Geschichte des Berufes des Heilpraktikers

Da sich erst seit dem 16. Jahrhundert ein Ärztestand von den übrigen Heilkundlern abzugrenzen beginnt, ist der Blick in die Geschichte des Heilpraktikerberufs immer auch ein gemeinsamer Blick in die antike und mittelalterliche Medizingeschichte. Erst mit der vorgenannten Einrichtung eines eigenen Berufsstandes für Ärzte mit akademisch-wissenschaftlicher Ausbildung muss man den Verlauf der Berufsgeschichte für Heilpraktiker getrennt von der allgemeinen Medizingeschichte betrachten.


Die Heilkunde in der Antike


Aus der altägyptischen Heilkunde sind dank des noch sehr gut erhaltenen Papyrus Ebers fast vollständige Aufzeichnungen über den antiken orientalischen Wissensstand der Medizin erhalten. So finden sich im Papyrus Ebers Rezepte und Heilmethoden zu nahezu allen Krankheits- und Verletzungsbildern. Auch entwickelten die alten Ägypter ihre bekannten Techniken zur Mumifizierung, die gute Kenntnisse über die menschliche Biologie voraussetzten. Im jüdisch geprägten Nahen Osten zur Zeit des Alten Testaments galt die Heilkunde als Einmischung in die Angelegenheiten Gottes.

Erst Jesus Christus räumte mit der Vorstellung auf, eine Krankheit fiele unter den göttlichen Strafenkatalog für menschliche Verfehlungen und begann, Kranke zu heilen. Die alten Griechen waren da – ähnlich wie die Ägypter – weit fortschrittlicher. Bei ihnen fiel die Heilkunde unter die Themen der Philosophie bzw. Wissenschaft. Der bedeutendste Arzt der griechischen Antike, Hippokrates von Kós, entwickelte in Anlehnung an die Vier-Elemente-Lehre des Empedokles im 5. Jh. v. Chr. eine eigene Vier-Säfte-Lehre und entwarf vier grundsätzliche Charaktertypen, denen jeweils ein Körpersaft zugeordnet werden konnte. Das waren:


• Der Sanguiniker (Blut)
• Der Melancholiker (schwarze Galle)
• Der Choleriker (gelbe Galle)
• Der Phlegmatiker (Schleim)


Schon damals galt unter den Hippokratikern ein ganzheitlicher Ansatz, der besagte, der Mensch sei nur dann gesund, wenn sich die vier Säfte die Waage hielten. Der Überschuss eines Saftes führe zur Unausgeglichenheit und damit zur Krankheit. Die Vier-Säfte-Lehre hielt sich bis in das Mittelalter und wurde teilweise noch von Hildegard von Bingen vertreten. Nach Hippokrates war der bis heute immer noch in der Medizingeschichte zitierte bedeutendste Arzt Galenus von Pergamon, oder kurz Galen.

Er lebte im zweiten Jahrhundert nach Christus und folgte den Hippokratikern weitgehend in ihrer Annahme der Vier-Säfte-Lehre. Er entwickelte die Vier-Säfte-Lehre noch weiter und verfasste ein umfassendes Gesamtwerk, das in der frühen Neuzeit unter dem Titel „ nach Erfindung des Buchdruckes in gedruckter Form auf Latein herausgegeben wurde und heute frei online eingesehen werden kann (Link).


Die Heilkunde im Mittelalter und in der frühen Neuzeit


Die Medizin und die Heilkunde des Mittelalters bauten ganz auf die Medizin der griechischen Antike auf. Vor allem aber war die mittelalterliche Heilkunde eine Klostermedizin, weil sie hauptsächlich in Klöstern praktiziert, schriftlich festgehalten und stetig optimiert wurde. Man verabreichte Heilkräuter, behandelte Wunden, führte Operationen durch und hielt das gesammelte Wissen in den Klosterschriften fest. Das Mittelalter war in seiner Blütezeit aber auch für die Entstehung der bis heute noch renommiertesten Universitäten zuständig. Die philosophischen Scholastiker entwickelten eine strenge Methodenlehre für wissenschaftliche Disziplinen. Auch die Medizin wurde eine neue, streng geregelte Wissenschaftsdisziplin an den mittelalterlichen Universitäten.

Hier ging es allerdings eher um theoretisches Wissen. Für praktische Dinge, die heute jeder Arzt selbstverständlich beherrschen muss, waren damals die Bader und später die aus diesem Berufsstand hervorgegangenen Berufschirurgen zuständig. Ärzte waren demnach studierte Wissenschaftler an den Universitäten, Bader und Chirurgen waren Handwerker. Hier ist bereits eine Zweiteilung zu erkennen: Ärzte durften sich nur diejenigen nennen, die ein wissenschaftliches Studium abgeschlossen hatten. Andere waren Bader, Chirurgen oder Heilkundige. Aber es gab auch Ärzte, die nicht nur die fromme Theorie der Universität studierten. Der berühmteste frühneuzeitliche Arzt und Gelehrte war Paracelsus. Er widersprach in weiten Teilen der Vier-Säfte-Lehre nach Galenus und machte sich damit die universitäre Ärzteschaft zu Gegnern. Paracelsus selbst propagierte eine ganzheitliche, universalistische (Natur-)Medizin, weshalb Paracelsus auch heute noch als Galionsfigur der meisten Homöopathen und Heilpraktiker gilt.

Die Heilkunde im 20. und 21. Jahrhundert


Neben der akademischen Ärzteschaft hatte sich im Laufe der Jahrhunderte ein nicht-akademischer Berufsstand von Heilkundigen herausgebildet. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts etablierten sich die ersten Verbände von Heilkundigen. In Deutschland gab es parallel zur wissenschaftlichen Ärzteschaft die Heilkunde, die Mitte der 1930er Jahre als anerkannter Freiberuf etabliert wurde. Auch das noch heute angewandte Heilpraktikergesetz stammt aus dem Jahr 1939, worin die Details der Berufsausübung gesetzlich geregelt werden.